Document Type

Article

Publication Date

2018

Abstract

I. Das Normale und das Pathologische "(d)ie Tatsache, dass Döblin (…) den Lustmord immer wieder inszeniert, bezeichnet ja wohl auch den dominanten Stellenwert, der dieser Phantasie im psychischen Haushalt des Autors selber zukommt."1 Diese Behauptung entstammt einer Rede, die der damalige Literaturwissenschaftler und später gefeierte Schriftsteller Winfried G. Sebald auf dem Internationalen Alfred-Döblin Kolloquium von 1983 zum Thema Literatur und Gewalt hielt. Sie könnte ebenso gut einer zeitgenössischen und an sexualpathologischen Diskursen der Jahrhundertwende geschult Kritik der Romane Döblins entstammen, die um die moralische Integrität der bürgerlichen Gesellschaft besorgt ist. Wie die Sexualpathologie der Jahrhundertwende argumentiert Sebald psychologisch und verpasst damit einen Zugang zu Döblins Werk, mit dem sich dieses diskurshistorisch als Kritik an den dominanten Wissensbeständen und psychologisch ausgerichteten Verfahren verstehen ließe. Ein solchermaßen alternatives und unpsychologisches Verständnis seines literarischen Schreibens wird nicht zuletzt auch von Döblins programmatischen und poetologisch ausgerichteten Schriften nahegelegt.

Es wird im Folgenden nicht allein um den Lustmord und seine Repräsentation in Döblins Werk gehen. Allerdings bietet sich die Darstellung des Lustmords als Ausgangspunkt für eine Untersuchung von Döblins Romanpoetologie an, weil sich hier eine poetologische Perspektive offenbart, die für Döblins Schreiben von den frühen literarischen Versuchen der Jahrhundertwende bis in die späten zwanziger Jahre prägend ist. Denn in der Tat, und hier ist Sebalds Beobachtung zuzustimmen, ist der Lustmord ein häufiges Motiv in Döblins Werk. Von seinem frühen Roman "Der schwarze Vorhang" (1902/3) bis zum Bestseller "Berlin Alexanderplatz" (1929) bleibt die Verbindung von Wollust und Grausamkeit Gegenstand von Döblins Interesse und literarischer Darstellung. Wie also erklärt sich diese Faszination für den Lustmord, will man seine Inszenierung nicht wie Sebald und im Sinne der Sexualpathologie psychologisch als kompensatorische

Share

COinS